Beckenbodenbeschwerden

Beckenbodenbeschwerden

Informationen zum Thema Beckenbodenbeschwerden

Buch: Unter der GürtellinieBuch: Unter der Gürtellinie

Autor(in): Renate Bruckmann

Unerklärliche Beschwerden im urogenitalen Bereich körpertherapeutisch verstehen und behandeln.

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Radiobeitrag im SR3 vom 28.02.2022

renate bruckmann therapeutin

Radiointerview im SR3 vom 28.02.2022 von Renate Wanninger mit der Pohltherapeutin Renate Bruckmann zum Thema
"Hilfe bei Beschwerden im urogenitalen Bereich".

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Der Teufelskreis der Analfissur: Warum Beckenbodenspannung oft die wahre Ursache ist

Hinweis für unsere Patientinnen und Patienten: Eine Analfissur gilt in der klassischen Proktologie primär als lokaler Hautriss. Doch die evidenzbasierte Wissenschaft und die tägliche Praxis zeigen: Der Schlüssel zur dauerhaften Heilung liegt tiefer im wahrsten Sinne des Wortes. Als Autorin des Standardwerks "Unter der Gürtellinie" betrachte ich dieses schmerzhafte Phänomen ganzheitlich im Kontext von chronischen Beckenbodenverspannungen. Erfahren Sie hier, wie die Schulmedizin therapiert und warum eine spezialisierte manualtherapeutische Behandlung oft den entscheidenden Durchbruch bringt.

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1. Das Krankheitsbild: Wenn Schmerz zum Dauerkrampf wird

    Eine Analfissur ist ein äußerst schmerzhafter Einriss der empfindlichen Haut (Anoderm) im Analkanal. Obwohl der Leidensdruck immens ist, gibt es aus wissenschaftlicher Sicht eine gute Nachricht: Akute Fissuren heilen in 60 bis 90% der Fälle unter konsequenter konservativer Therapie vollständig ab (Marti et al., 2018; Arnold, 2024).

    Das eigentliche Problem bei stagnierenden Verläufen ist jedoch ein physiologischer Teufelskreis: Der heftige Akutschmerz führt zu einer reflektorischen Verkrampfung des inneren Schließmuskels (Sphinkterspasmus). Dieser dauerhaft erhöhte Druck drosselt die lokale Durchblutung massiv. Die Folge: Das Gewebe leidet unter Sauerstoffmangel, wodurch die Wundheilung blockiert wird und der Riss chronisch wird (Gerbasi, 2025).

    2. Evidenzbasierte Selbstbehandlung: Die klassischen Säulen

      Das primäre Ziel jeder konservativen Therapie lautet: Stuhl weich halten, Schließmuskel entspannen und Durchblutung anregen. Folgende Maßnahmen sind wissenschaftlich belegt:

      • Ernährung & Quellstoffe: Eine ballaststoffreiche Ernährung bildet das Fundament. Die medizinischen Leitlinien empfehlen ausdrücklich die Einnahme von Quellstoffen wie Flohsamenschalen (Plantago ovata), da sie Wasser im Darm binden und den Stuhl geschmeidig formen, ohne abführend zu wirken (Joos & Jongen, 2021).

      • Flüssigkeitszufuhr: Ballaststoffe benötigen reichlich Flüssigkeit (1,5 bis 2 Liter Wasser oder ungesüßte Tees täglich). Wichtig in der Akutphase: Der Kaffeekonsum sollte eingeschränkt werden. Koffein kann den Sphinkterdruck nachweislich erhöhen und den Darm unruhig stimulieren, was den gereizten Analkanal zusätzlich belastet (Dinçer, 2026).

      • analfissur sitzhaltung1 web 800 1035Optimiertes Toilettenverhalten: Starkes Pressen und langes Sitzen stauen das Blut im Beckenboden und vertiefen die Risse (Fritz, 2026). Empfohlen wird die Hockhaltung mithilfe eines kleinen Fußhockers. Im Gegensatz zum normalen 90-Grad-Sitz, bei dem der M. puborectalis den Enddarm abknickt, begradigt sich der Darm im 35-Grad-Winkel der Hockposition vollkommen. Die Toilettensitzung sollte zudem maximal 3 Minuten dauern.

      • Schonende Wundpflege: Trockenes Toilettenpapier ist wegen der mechanischen Reibung tabu. Ideal ist die Reinigung mit lauwarmem Wasser (z. B. Podusche oder Bidet) und sanftes Abtupfen. Warme Sitzbäder (z. B. mit Kamille) wirken direkt krampflösend auf den Schließmuskel und lindern akut den Schmerz (Arnold, 2024; Dinçer, 2026).

      • Medizinische Hilfsmittel (Analdilation & Hämorpen): Die Nutzung von gekühlten Teflonstäben (Hämorpen) kombiniert Kältetherapie zur Schmerzlinderung mit einer sanften Dehnung (Dilatation) des verkrampften Muskels. Die regelmäßige, vorsichtige Anwendung von Analdilatatoren - idealerweise in Kombination mit muskelentspannenden, rezeptpflichtigen Salben (wie Diltiazem oder Nitroglycerin) - senkt den Muskeltonus und beschleunigt die Heilung signifikant (Dinçer, 2026).

      3. Wann ist eine Operation sinnvoll - und wann riskant?

        Wenn eine konsequente konservative Therapie über 6 bis 8 Wochen fehlschlägt, die Fissur chronisch wird (erkennbar an verhärteten Wundrändern oder einer Vorpostenfalte) und starke Gewebeveränderungen auftreten, kommt eine Operation in Betracht (Arnold, 2024; Gerbasi, 2025).

        Als chirurgische Standardverfahren gelten die Fissurektomie (das sparsame Ausschneiden des vernarbten Gewebes, um eine frische, heilungsfähige Wunde zu schaffen) sowie international die laterale interne Sphinkterotomie (LIS), bei welcher der Schließmuskel minimal eingekerbt wird (Fritz, 2026; Gerbasi, 2025).

        Wichtig zu wissen: Eine Operation sollte bei rein akuten Fissuren strikt vermieden werden. Zudem verbietet sich eine Schließmuskeleinkerbung (LIS) bei Patientinnen mit vorangegangenen Geburtsverletzungen (Dammrisse), älteren Menschen oder bei bestehenden Risiken für eine Stuhlinkontinenz, da das postoperative Inkontinenzrisiko bei bis zu 30% liegt (Arnold, 2024). Auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn ist von chirurgischen Eingriffen im Analbereich wegen schwerer Wundheilungsstörungen meist abzusehen (Gerbasi, 2025; Marti et al., 2018).

        4. Der manualtherapeutische Schlüssel: Das Becken als System betrachten

          Warum aber scheitern so viele Patientinnen und Patienten trotz Salben und Dehnungen? Weil eine chronische Analfissur oft das Endstadium einer tiefer liegenden, unbewussten Dauerverspannung des gesamten Beckenbodens ist (Bruckmann, 2020).

          Durch die heftigen Schmerzen verfällt der Körper in eine dauerhafte Schonhaltung. Das Nervensystem gerät in eine sogenannte "Sensomotorische Amnesie": Das Gehirn hat schlichtweg verlernt, wie sich der Beckenboden im entspannten Zustand anfühlt (Bruckmann, 2020; Pohl, 2010). Der Muskel feuert permanent, drückt die versorgenden Blutgefäße ab und verunmöglicht so jede lokale Wundheilung. Hier stoßen rein lokale Therapien an ihre Grenzen - und hier setzt die spezialisierte Körper- und Manualtherapie an.

          Technisches Biofeedback: Die unbewusste Spannung sichtbar machen

          Viele Betroffene sind fest davon überzeugt, ihren Schließmuskel zu entspannen - bis eine Messung das Gegenteil zeigt. Mittels einer kleinen, rektal eingeführten EMG-Sonde wird die elektrische Aktivität der Muskulatur gemessen und visuell als Kurve auf einem Monitor dargestellt. Dieses apparative Biofeedback erzeugt einen sofortigen Aha-Effekt: Der Patient sieht seine viel zu hohe Basisspannung und lernt durch gezielte visuelle Rückmeldung, welche inneren Impulse den Tonus tatsächlich absenken.

          Ganzheitliche manuelle Beckenbodentherapie (Pohltherapie® - Bruckmann Methode)

          Während das Biofeedback isoliert den Schließmuskel trainiert, geht der manualtherapeutische Ansatz nach Renate Bruckmann entscheidend weiter und befreit das gesamte Becken aus seiner muskulären Gefangenschaft:

          1. Pandikulieren statt Dehnen: Ein chronisch verkrampfter Muskel reagiert auf reines Dehnen oft mit einem reflexartigen Gegenspannen (Dehnreflex). Beim Pandikulieren wird der Beckenboden stattdessen bewusst minimal mehr angespannt, um die Spannung anschließend extrem langsam, stufenweise und kontrolliert nachzulassen. Das zwingt das Gehirn, die motorische Kontrolle wieder zu übernehmen (Bruckmann, 2020).

          2. Manuelle Faszien- und Triggerpunktbehandlung: Häufig liegt die Ursache außerhalb des Schmerzgebietes. Durch die gezielte Behandlung von muskulären Verhärtungen (Myogelosen) und verklebten Faszien im Bereich der Oberschenkel-Innenseiten (Adduktoren), der Gesäßmuskulatur und des Unterbauchs wird der mechanische Zug vom Analkanal genommen. Das Gewebe kann endlich wieder durchatmen und heilen.

          3. Entlarvung von Alltagsgewohnheiten: Nachhaltige Heilung gelingt nur, wenn unbewusste Dauerspannungen im Alltag abgestellt werden. Dazu gehören das ständige, ästhetisch motivierte Einziehen des Bauches (was die Organe nach unten presst), das stressbedingte Zusammenkneifen der Gesäßbacken oder eine eingesunkene Fehlhaltung beim Sitzen. 

           Warum eine "richtige" Toilettenhaltung zur Entspannung des Beckenbodens bei einer Analfissur helfen kann

          Fazit & Ermutigung für Betroffene

          Eine Analfissur muss kein chronisches Schicksal sein. Wenn lokale Salben und Ernährungsumstellungen nicht den gewünschten Erfolg bringen, sollten Sie den Blick weiten. Eine spezialisierte manualtherapeutische Behandlung des Beckenbodens packt das Problem an der möglichen Wurzel: Sie löst die übergeordnete Dauerspannung, durchbricht die sensomotorische Amnesie und schafft damit erst die physiologischen Voraussetzungen für eine dauerhafte, natürliche Ausheilung. Gerne begleiten wir Sie auf diesem evidenzbasierten, ganzheitlichen Weg in unserer Praxis.

           

          Literaturverzeichnis

          Arnold, M. J. (2024). Management of Anal Fissures: Guidelines From the American Society of Colon and Rectal Surgeons. American Family Physician, 109(2), 188-189.

          Bruckmann, R. (2020). Unter der Gürtellinie: Unerklärliche Beschwerden im urogenitalen Bereich körpertherapeutisch verstehen und behandeln. Knaur MensSana.

          Dinçer, O. İ. (2026). Assessment of Treatment Effectiveness in Acute and Chronic Anal Fissures. Medicina, 62(3), 490.

          Fritz, S. (2026). Therapy and long-term outcomes of acute anal fissure: a high-volume referral centre experience with 623 patients. Deutsches End- und Dickdarm-Zentrum Mannheim.

          Gerbasi, L. (2025). Anal Fissures. In StatPearls. StatPearls Publishing.

          Herzig, D. O., & Lu, K. C. (2010). Anal Fissure. Surgical Clinics of North America, 90(1), 33-44. https://doi.org/10.1016/j.suc.2009.09.002

          Joos, A. K., & Jongen, J. (2021). S3-Leitlinie Hämorrhoidalleiden. coloproctology, 43, 381-404. https://doi.org/10.1007/s00053-021-00555-z

          Marti, L., Post, S., Herold, A., & Schwandner, O. (2018). S3-Leitlinie: Analfissur (Kurzfassung). Deutsche Gesellschaft für Koloproktologie (DGK).

          Pohl, H. (2010). Unerklärliche Beschwerden? Chronische Schmerzen und andere Leiden körpertherapeutisch verstehen und behandeln. Knaur MensSana.

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