Einseitige Schmerzen im unteren Rücken, Leistenschmerzen – wenn sich das ISG (Iliosakralgelenk) "blockiert" anfühlt
ISG-Blockade – was tun?
Häufige Fragen zu ISG-Beschwerden (Kurzübersicht)
Warum kehren ISG-Beschwerden nach dem "Einrenken" oft wieder zurück?
Das Iliosakralgelenk (ISG) wird durch ein dichtes Geflecht aus Faszien, Bändern und Muskeln stabilisiert. Bestehen im Alltag dauerhafte Fehlhaltungen oder erhöhte myofasziale Spannungen in Gesäß, Rumpf, Leiste oder Beinen fort, können diese Zugkräfte das Gelenk nach einer rein passiven Manipulation erneut in eine ungünstige Spannungssituation bringen.
Welche Muskeln und Faszien spielen bei ISG-Schmerzen häufig eine Rolle?
Neben der großen Rückenfaszie (Fascia thoracolumbalis) und der Gesäßmuskulatur zeigen sich bei der Tastbefundung häufig Verhärtungen in den schrägen Bauchmuskeln, dem quadratischen Lendenmuskel (M. quadratus lumborum), den kurzen Adduktoren der Leiste sowie den tiefen Hüftbeugern.
Wie kann die Wadenmuskulatur mit Schmerzen am ISG zusammenhängen?
In der Schmerzforschung wird beschrieben, dass anhaltende nozizeptive Reize aus der Wadenmuskulatur (M. gastrocnemius und M. soleus) über Nervenbahnen auf sakraler Rückenmarksebene zuvor inaktive Synapsen sensibilisieren können [13]. Dadurch können myofasziale Triggerpunkte in der Wade zu ausstrahlenden Schmerzwahrnehmungen in der Region des ISG beitragen [10, 11, 13].
Wie begleitet die Praxis Bruckmann Patienten mit ISG-Beschwerden?
Nach einer ausführlichen Haltungs- und Tastbefundung kombinieren wir manuelle Techniken für Faszien und Triggerpunkte mit aktiven Entspannungsverfahren (Pandiculations), Körperwahrnehmungsschulung, ergonomischer Alltagsberatung sowie gezielten Übungen zur Selbsthilfe (u. a. über die App GesundMove).
Nehmen wir als fiktives Beispiel zum besseren Verständnis funktioneller Zusammenhänge und möglicher Vorgehensweisen (ohne Heil- oder Erfolgsversprechen) Reiner S., 46 Jahre: Er fährt gerne Rad und ist als IT-Fachmann beruflich stark eingespannt. Seit einem halben Jahr findet in seinem Unternehmen eine Reorganisation statt; als Teamleiter möchte er für Motivation sorgen und den Zukunftsängsten seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konstruktiv begegnen. Es gibt viele Meetings und lange Arbeitszeiten am PC. Er schildert starke, einseitige Schmerzen im unteren Rücken, vor allem nach langem Sitzen – seit einem Jahr zunehmend. Auch das Stehpult seines modernen Schreibtisches verschafft ihm kaum noch Entlastung, und das Radfahren verstärkt inzwischen die Beschwerden. Fachärztliche Untersuchungen ergeben den funktionellen Befund einer "Blockade des Iliosakralgelenks" ohne strukturelle Schäden. Eine chiropraktische Manipulation und eine lokale Injektion brachten kurzfristig für einen Tag Erleichterung, doch am nächsten Morgen kehrten die Beschwerden nach dem Aufwachen zurück. Auch eine anschließende osteopathische Behandlung direkt am ISG sorgte zunächst für eine spürbare Entlastung, ohne dass die Beschwerden dauerhaft abklangen. Auf einer subjektiven Beschwerdeskala von 0 bis 10 stuft er sein aktuelles Empfinden bei 6 ein. Das Stressgefühl nimmt zu, der sportliche Ausgleich am Feierabend fehlt, selbst das Treppensteigen fällt zunehmend schwerer, und begleitende Leistenschmerzen kommen hinzu. Mit der bangen Frage "Bleibt das jetzt so?" stößt er im Internet auf Informationen zur Pohltherapie® und möchte diesen Ansatz kennenlernen.
Wie werden funktionelle Zusammenhänge beim ISG untersucht?
Neben dem ausführlichen Anamnesegespräch liefern in einem solchen Fallbeispiel die manuelle Tastbefundung [1] und die visuelle Haltungsbeobachtung wichtige Hinweise auf das myofasziale Spannungsmuster: Der Patient steht leicht schief und in sich verdreht; er verkürzt die linke Rumpfseite und rotiert mit dem Becken nach rechts vorne. Im Bereich der Gesäßmuskulatur sowie in den schrägen Bauchmuskeln – insbesondere am rechten Beckenkamm – finden sich deutlich tastbare, druckempfindliche Muskel- und Bindegewebsverhärtungen. Die kurzen Adduktoren in der rechten Leiste zeigen sich verkürzt [2], sodass sich die Beine nur eingeschränkt abspreizen lassen. Das Bindegewebe der großen Rückenfaszie (Fascia thoracolumbalis) reagiert auf sanfte verschiebende Reize deutlich empfindlich. Der breite Rückenmuskel (M. latissimus dorsi) lässt sich bei der Bewegungsaufforderung kaum gezielt ansteuern, während der quadratische Lendenmuskel (M. quadratus lumborum) rechts verkürzt erscheint und den Abstand zwischen Beckenkamm und unterster Rippe verringert. Vom regelmäßigen Radfahren weist der Patient eine kräftige Wadenmuskulatur auf, die nach intensiveren Touren immer wieder einmal kurzzeitig schmerzte ("Sportlerwade eben"). Beim kontrollierenden Tasten der Wadenmuskeln (Mm. gastrocnemius et soleus) sowie bei der prüfenden Faszienverschiebung zeigt sich jedoch eine ausgeprägte Druckempfindlichkeit, die der Patient auf der Skala bis 10 subjektiv mit einem Wert von 8 beschreibt.
Wie läuft die myofasziale Begleitung bei ISG-Beschwerden ab?
In unserem fiktiven Fallbeispiel könnte sich das therapeutische Vorgehen schrittweise wie folgt gestalten: Begonnen wird mit einer sanften manuellen Adressierung der Faszien und Bindegewebsschichten am Gesäß, am oberen Beckenrand sowie an der Wade. Nach etwa 20 Minuten wird der Patient eingeladen, sich aufzurichten, nachzuspüren und einige Schritte durch den Raum zu gehen: Hat sich die wahrgenommene Verdrehung im Rumpf verändert? Fühlt sich das rechte Bein beim Gehen möglicherweise freier und beweglicher an? Darauf aufbauend folgen sogenannte Pandiculations [3] (aktive, sensomotorische Entspannungsverfahren [4]) für die seitliche Rumpfmuskulatur und den unteren Rücken sowie eine gezielte Triggerpunktbehandlung [5] der Wadenmuskulatur. Ergänzend werden dem Patienten individuell passende Körperübungen [6] – unter anderem begleitet durch die App GesundMove [7] – sowie Techniken zur achtsamen Selbstbehandlung [8] für zu Hause gezeigt. Im weiteren Verlauf der Begleitung werden auch die tiefe Rückenmuskulatur, die Hüftbeuger und die Adduktoren entsprechend der Vorgehensweise der Pohltherapie® [9] einbezogen. Parallel dazu wird der Alltag betrachtet: Am Büroarbeitsplatz wird beispielsweise der zuvor seitlich rechts stehende Monitor, zu dem sich der Patient stundenlang unbewusst hingedreht hatte, mittig vor dem Körper ausgerichtet. Ziel dieses ganzheitlichen Prozesses ist es, dem Patienten die Wechselwirkungen zwischen Alltagsgewohnheiten, Muskelspannung und Schmerzerleben nachvollziehbar zu machen und ihm über Übungen sowie Haltungsbewusstsein Werkzeuge zur aktiven Selbsthilfe an die Hand zu geben.
Warum die Wadenmuskulatur mit ISG-Beschwerden zusammenhängen kann
In der funktionellen Körpertherapie geht es häufig darum, neben alltäglichen Schon- und Fehlhaltungen auch weiter entfernt liegende myofasziale Schlüsselstrukturen zu identifizieren. In unserem Beispiel spielten neben der Gesäßmuskulatur insbesondere die Wadenmuskeln – der M. gastrocnemius [10] und der M. soleus [11] – eine zentrale Rolle. Solche funktionellen Fortleitungsmuster werden auch in der neurophysiologischen Schmerzforschung beschrieben: Durch anhaltende Spannung und Reizung in der Wadenmuskulatur können nozizeptive Afferenzen (Schmerz- und Reizleitungen) im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule und des Kreuzbeins aktiviert werden. Diese Reize können auf sakraler Rückenmarksebene sogenannte "schlafende" (zuvor ineffektive) Synapsen sensibilisieren. Auf diese Weise können myofasziale Triggerpunkte [12] in der Wadenmuskulatur zu fortgeleiteten Schmerzwahrnehmungen direkt in der Region des Iliosakralgelenks (ISG) beitragen [13].
Rechtlicher Hinweis: Bitte beachten Sie die medizinischen und rechtlichen Hinweise (Disclaimer) zu den genannten Informationen, Fallbeispielen und Übungen auf unserer Website.
Literaturnachweis – ISG, Faszien und Wadenmuskulatur (zum Aufklappen klicken)
[1] Pischinger, A. (1975). Das System der Grundregulation. S. 128.
[2] Muscolino, J. E. (2013). Anatomische Strukturen begreifen. München.
[3] Hanna, T. (2016). Beweglich sein – ein Leben lang. München.
[4] Chaitow, L. (2008). Muskel-Energie-Techniken. München.
[5] Travell, J. G., & Simons, D. G. (2002). Handbuch der Muskel-Triggerpunkte. München.
[6] Peterson, M. (2011). Move Without Pain. New York.
[7] Bruckmann, R., & Mörgen, T. (2021/2022). Rückenschmerzen selbst behandeln mit der Pohltherapie. München.
[8] Bruckmann, R. (2020). Unter der Gürtellinie. München.
[9] Pohl, H. (2010). Unerklärliche Beschwerden? Chronische Schmerzen und andere Leiden körpertherapeutisch verstehen und behandeln. München.
[10] Geist, K. et al. (2022). M. gastrocnemius, S. 885 ff. In: Donnelly, J. M., Travell, Simons & Simons' Handbuch der Muskel-Triggerpunkte. München.
[11] Geist, K., & Donnelly, J. M. (2022). M. soleus und M. plantaris, S. 898 ff. In: Donnelly, J. M., Travell, Simons & Simons' Handbuch der Muskel-Triggerpunkte. München.
[12] Müller-Wohlfahrt, H.-W. et al. (2014). Muskelverletzungen im Sport. Stuttgart, S. 270 ff.
[13] Mense, S. (2021). Muskeln, Faszien und Schmerz. Stuttgart, S. 153 ff.


