Von: Tilo Mörgen (Dipl.Soziologe, Fachautor) – Praxis Bruckmann (Artikel mit wissenschaftlichen Referenzen)
Betrachten wir den Querschnitt unseres Körpers nicht als statische Schichten, sondern als ein lebendiges, gleitfähiges Kommunikationssystem bestehend aus Wächtern und Motoren. "Muskelschmerz" ist oft gar kein reines Muskelproblem.
Es ist ein Geschehen in einem komplexen Netzwerk aus Gleitschichten (Hyaluron), reichem Nervengewebe (Rezeptoren) und faszialen Hüllen, die alle miteinander kommunizieren und kann manualtherapeutisch wie mithilfe der Pohltherapie® behandelt werden. Derzeit ist dies das "Standard-Modell" wie es in der Faszienforschung verwendet wird. Um das besser zu verstehnen betrachten wir analytisch zwei funktionelle Einheiten:
- A: Die sensiblen Wächter an der Oberfläche - Schichten der Haut bis zum Muskel und
- B: der Motor in der Tiefe, der Muskel selbst
A: Die sensiblen Wächter an der Oberfläche
Unsere Hülle
Ganz oben (Epidermis & Dermis), in der Oberhaut und Lederhaut, sitzen unsere "Frühwarnsysteme". Hier finden wir die Merkel-Zellen und Meissner-Körperchen. Sie liegen oberflächlich, um feine Berührungen und Druck sofort an das Gehirn zu melden. Sie sind die erste Kontaktstelle zur Außenwelt.
Das Polster-System (Subkutis: SAT & DAT)
Unter der Haut folgt nicht einfach nur "Fett", sondern ein hochorganisiertes Dämpfungssystem. Das Bild unterscheidet hier präzise – wie es die moderne Forschung (u.a. Lancerotto & Stecco) fordert – zwischen zwei Fettschichten:
- SAT (Superficial Adipose Tissue): Das oberflächliche Fettgewebe.
- DAT (Deep Adipose Tissue): Das tiefe Fettgewebe. Getrennt werden diese beiden "Bauchspeck-Schichten" durch eine feine, aber wichtige Trennwand: die Superficial Fascia (Oberflächliche Faszie). Früher oft übersehen, wissen wir heute, dass sie essenziell für die Struktur des Unterhautgewebes ist.
Das Gleitsystem der Tiefe (Fascia Profunda & Hyaluron)
Nun kommen wir in den biomechanisch spannendsten Bereich. Über dem Muskel liegt die tiefe Faszie. Damit unsere Muskeln unter der Haut arbeiten können, ohne dass die Haut bei jeder Bewegung starr mitgezogen wird, braucht es ein Gleitmittel. Das Bild zeigt hier eine Hyaluronsäure-Schicht, die wie ein Schmierfilm wirkt. Produziert wird dieses "Schmieröl" von spezialisierten Zellen, den Fasciacyten (Stecco et al., 2011/2018). Diese erst kürzlich entdeckten Zellen (Stecco et al.) sorgen dafür, dass die Schichten geschmeidig aneinander vorbeigleiten ("Sliding System"). Wenn wir uns "steif" fühlen, ist dieses Hyaluron strukturell verändert oder verdichtet.
Die tiefe Sensorik und der Motor (Rezeptoren & Muskel)
In der Tiefe, nahe der Faszie und den Muskelübergängen, finden wir die "Schwerarbeiter" der Wahrnehmung:
- Pacini- und Ruffini-Körperchen: Sie liegen tiefer als die Sensoren der Haut, da sie Informationen über Vibration, Dehnung und Gelenkposition (Propriozeption) liefern. Sie sagen uns, wo unser Körper sich im Raum befindet.
- Der Muskel (Epimysium): Schließlich erreichen wir den Muskel. Wichtig ist hier: Der Muskel hört nicht auf und die Faszie fängt an – sie sind untrennbar. Die Muskelhülle (Epimysium) ist fest mit den darüberliegenden Schichten verwoben.
B: Der Motor in der Tiefe, der Muskel selbst
Muskelmodell - myofasziale Aspekte - Praxis Bruckmann (2026)Klassische Lehrbücher zeigen die tiefe Faszie oft als eine simple "Wurstpelle". Die moderne Forschung (Stecco et al. 2011; Stecco 2015), zeigt, dass sie oft mehrschichtig ist. Zwischen diesen dichten Schichten und zwischen der Faszie und dem Muskel (Epimysium) liegt lockeres Bindegewebe, das reich an Hyaluronsäure ist.
In der Faszie befinden sich spezialisierte Fibroblasten (EPFs), die bei tiefen Wunden zur Hautoberfläche aufsteigen. Sie ziehen ihre umgebende Matrix (einschließlich Blutgefäßen und Nerven) wie ein „vorgefertigtes Kit“ mit sich, um Wunden schnell zu verschließen (Corea-Gallegos 2019, Knoedler 2023). Sie spielen auch eine Rolle bei neu entdeckten Zusammenspiel von autonomen Nervensystem und Imunsystem (Smolgovsky 2024). Der Vagusnerv kann möglicherweise über den Nucleus Tractus Solitarius körperweite Entzündungen drosseln. (Schleip 2025)
Dies wird durch die explizite Darstellung der "mehrschichtigen Fascia Profunda" und der "Hyaluronan-Gleitschichten" berücksichtigt. Diese Schichten sind essenziell für die unabhängige Gleitfähigkeit von Muskeln unter der Haut.
Es gibt keine wirkliche Trennung zwischen Muskel und Faszie (Huijing 1999, 2009). Das intramuskuläre Bindegewebe (Endo-/Peri-/Epimysium) ist das Gerüst, in dem die Muskelzellen hängen. Dieses Gerüst wird zur Sehne. Der Übergang vom Muskel zur Sehne zeigt nicht, wie der Muskel "aufhört" und die Sehne "anfängt", sondern wie die bindegewebigen Hüllen (Endo-/Perimysium) zusammenfließen und die Sehne bilden. Die Kraftübertragung erfolgt über dieses fasziale Netzwerk (lateral force transmission), nicht nur longitudinal.
Die Faszie ist deutlich schmerzempfindlicher als der Muskel. Während Muskelschmerz oft als „pochend“ oder „klopfend“ beschrieben wird, äußert sich Faszienschmerz eher als „brennend“, „schneidend“ oder „stechend“ (Schilder 2018)
Septen als Kraftüberträger: Intermuskuläre Septen sind keine bloßen Trennwände, sondern wichtige Strukturen zur Kraftübertragung zwischen Muskelgruppen und zur Verankerung am Knochen (Periost). Das Septum wird als integrierte Struktur in der Grafik gezeigt, die mit der Fascia Profunda verbunden ist.
Aktuelle Studien legen nahe, dass der klassische Muskelkater (Delayed Onset Muscle Soreness) eher ein Problem der Faszien-Afferenzen als der Muskelfasern selbst ist (Brandl 2024).
Sensorik und Innervation
Faszien sind unser reichhaltigstes sensorisches Organ. Schleip betont die hohe Dichte an Mechanorezeptoren (Golgi, Pacini, Ruffini und vor allem freie Nervenendigungen) in den faszialen Schichten - Tesarz et al. (2011); Schleip (2003). Die Darstellung von Nerven, die innerhalb der Perimysium-Schichten (den "Straßen" in den Muskel) verlaufen, ist entscheidend. Viele Schmerzen, die wir als "Muskelschmerz" empfinden, stammen eigentlich von den Nervenendigungen in diesen faszialen Hüllen, nicht aus der Muskelfaser selbst.
Endomysium: Eine ganz feine kleine Hülle - Großes im Kleinen
Auch sehr kleine Strukturen im Muskel können zu Schmerzen und Funktionsverlust beitragen – nicht nur „der Muskel als Ganzes“. Ein wichtiger Bestandteil ist das Endomysium: ein feines Bindegewebsnetz, das jede einzelne Muskelfaser umhüllt und Teil der extrazellulären Matrix (ECM) des Muskels ist (Purslow 2020, Stecco 2023). Dieses Netzwerk hilft bei Kraftübertragung, Stabilität im Gewebe und der Einbettung von Nerven und Blutgefäßen. Dass Ihr Körper mechanische Reize in Empfindungen und Schmerz „übersetzt“, hängt u. a. mit spezialisierten Rezeptorsystemen für Temperatur und Berührung/Mechanik zusammen (TRP-/Piezo-Systeme; Nobelpreis 2021 Paptpoutian und Julius). Dieses Netzwerk hilft bei Kraftübertragung, Stabilität im Gewebe und der Einbettung von Nerven und Blutgefäßen.
Wenn sich diese feinen Gewebeschichten durch Überlastung, Stress, Entzündungsprozesse oder anhaltende Schonhaltung „verändern“, kann Bewegung sich zäh anfühlen, schneller schmerzen oder weniger belastbar sein. Bei myofaszialen Beschwerden (z. B. Triggerpunkte) wird außerdem diskutiert, dass nicht nur Muskelkontraktion, sondern auch Faszien-/ECM-Prozesse und neuro-immune Sensitivierung das Schmerzgeschehen mitbestimmen können (Schleip 2025).Studien deuten darauf hin, dass in der Umgebung aktiver Triggerpunkte ein biochemisches Milieu mit schmerzverstärkenden Botenstoffen auftreten kann (Sha 2008).
Funktionelle Störungen der WächterInnen und Motoren: Wie wir helfen in der Praxis Bruckmann
Zur positiven Beeinflussung funktioneller Beschwerden wenden wir in der Praxis Bruckmann multimodale manuelle Techniken an. Das bedeutet: Wir kombinieren verschiedene, aufeinander abgestimmte Handgriffe, um Gewebe, Nervensystem und Bewegung wieder besser ins Gleichgewicht zu bringen.
Ein Teil davon sind sehr sanfte Techniken für die „sensiblen Wächter“ des Körpers – also Strukturen, die besonders schnell auf Reize reagieren. Dazu gehören feine Druck- und/oder Scherreize (z. B. nach Emtrat/Brandl), sanftes Gleiten sowie weitere schonende Kontakttechniken, die das Gewebe beruhigen und die Wahrnehmung verbessern können.
Ergänzend nutzen wir faszienbezogene Verfahren wie myofaszialen Release, Schiebe- bzw. Verschiebetechniken und pohltherapeutische Rolltechniken. Im nächsten Schritt geht es darum, den „Motor“ wieder rund laufen zu lassen: Hier arbeiten wir bei Bedarf mit kräftigerem, gezieltem Druck zur aktiven Myogelosenbehandlung (u. a. an Septen) sowie mit Druck-und-Bewegungs-Ansätzen im Sinne propriozeptiver neuromuskulärer Entspannungstechniken. Außerdem können Pandiculations nach Thomas Hanna (spezielle, bewusst ausgeführte Bewegungsabläufe) eingesetzt werden, um Spannungsmuster zu lösen und die aktive Bewegungssteuerung zu verbessern.
Literaturliste (Fundstellen)
Primärliteratur: Anatomie der Faszie & Hyaluronsäure
Correa-Gallegos, D., Jiang, D., Christ, S., Ramesh, P., Ye, H., Wannemacher, J., Gopal, S. K., Yu, Q., Aichler, M., Walch, A., Mirastschijski, U., Volz, T., & Rinkevich, Y. (2019). Patch repair of deep wounds by mobilized fascia. Nature, 576, 287–292.
Knoedler, S., Broichhausen, S., Guo, R., Dai, R., Knoedler, L., Kauke-Navarro, M., Diatta, F., Pomahac, B., Machens, H. G., Jiang, D., & Rinkevich, Y. (2023). Fibroblasts - the cellular choreographers of wound healing. Frontiers in Immunology, 14, 1233800
Stecco, C. (2015). Functional Atlas of the Human Fascial System. Elsevier Health Sciences. (Das Standardwerk zur modernen makroskopischen Faszienanatomie).
Stecco, C., Stern, R., Porzionato, A., Macchi, V., Masiero, S., Stecco, A., & De Caro, R. (2011). Hyaluronan within fascia in the etiology of myofascial pain. Surgical and Radiologic Anatomy, 33(10), 891–896. https://doi.org/10.1007/s00276-011-0876-9
Stecco, C., Fede, C., Macchi, V., Porzionato, A., Petrelli, L., Biz, C., Stern, R., & De Caro, R. (2018). The fasciacytes: A new cell population of fascial system. Italian Journal of Anatomy and Embryology, 123(1), 162. (Hier wird der Begriff "Fasciacyten" aus der Grafik wissenschaftlich definiert).
Lancerotto, L., Stecco, C., Macchi, V., Porzionato, A., Stecco, A., & De Caro, R. (2011). Layers of the abdominal subcutaneous tissue: anatomical, biomechanical, and radiological analysis. Plastic and Reconstructive Surgery, 128(1), 153–159. (Beleg für die Unterteilung in SAT, Superficial Fascia und DAT).
Cowman, M. K., Schmidt, T. A., Raghavan, P., & Stecco, A. (2015). Viscoelastic properties of hyaluronan in physiological conditions. F1000Research, 4, 622.
Primärliteratur: Sensorik, Innervation & Schmerz
Amir, A., Kim, S., Stecco, A., Jankowski, M. P., & Raghavan, P. (2022). Hyaluronan homeostasis and its role in pain and muscle stiffness. PM&R, 14(12), 1490–1496.
Brandl, A., Wilke, J., Egner, C., Schmidt, T., Schilder, A., & Schleip, R. (2024). Pain quality patterns in delayed onset muscle soreness of the lower back suggest sensitization of fascia rather than muscle afferents: A secondary analysis study. Pflügers Archiv - European Journal of Physiology, 476, 395–405..
Schilder, A., Magerl, W., Klein, T., & Treede, R. D. (2018). Assessment of pain quality reveals distinct differences between nociceptive innervation of low back fascia and muscle in humans. PAIN Reports, 3(3), e662.
Schleip, R. (2025, 2. November). Teil 1: Forschungsstand [Unveröffentlichtes Vortragsskript].
Schleip, R. (2025, 2. November). Teil 2 [Unveröffentlichtes Vortragsskript].
Stecco, A., Bonaldi, L., Fontanella, C. G., Stecco, C., & Pirri, C. (2023). The effect of mechanical stress on hyaluronan fragments' inflammatory cascade: Clinical implications. Life, 13(12), 2277.
Stecco, C. (2025, Oktober). Fascia's role in pain perception [Transkript eines Audio-Beitrags, Pain Relief Summit].
Schleip, R. (2003). Fascial plasticity – a new neurobiological explanation: Part 1. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 7(1), 11–19. (Ein Klassiker zur Einführung der Faszie als sensorisches Organ).
Schleip, R., Findley, T. W., Chaitow, L., & Huijing, P. A. (Eds.). (2012). Fascia: The Tensional Network of the Human Body - E-Book: The science and clinical applications in manual and movement therapy. Elsevier Health Sciences.
Tesarz, J., Hoheisel, U., Wiedenhöfer, B., & Mense, S. (2011). Sensory innervation of the thoracolumbar fascia in rats and humans. Neuroscience, 194, 302–308. (Schlüsselstudie, die beweist, dass die Faszie dicht innerviert ist und Schmerzquelle sein kann).
Mense, S. (2019). Innervation of the thoracolumbar fascia. European Journal of Translational Myology, 29(3), 8297.
Willard, F. H., Vleeming, A., Schuenke, M. D., Danneels, L., & Schleip, R. (2012). The thoracolumbar fascia: anatomy, function and clinical considerations. Journal of Anatomy, 221(6), 507–536.
Primärliteratur - Myofasziales Schmerzsyndrom - Imunsystem, autonomes Nervensystem
Schleip, R., Gabbiani, G., Wilke, J., Naylor, I., Hinz, B., Zorn, A., Jäger, H., Breul, R., Schreiner, S., & Klingler, W. (2019). Fascia is able to actively contract and may thereby influence musculoskeletal dynamics: A histochemical and mechanographic investigation. Frontiers in Physiology, 10, 336. https://doi.org/10.3389/fphys.2019.00336
Stecco, C., Stern, R., Porzionato, A., Macchi, V., Masiero, S., Stecco, A., & De Caro, R. (2011). Hyaluronan within fascia in the etiology of myofascial pain. Surgical and Radiologic Anatomy, 33(10), 891–896. https://doi.org/10.1007/s00276-011-0876-9
Bordoni, B., & Marelli, F. (2020). Impact of stress, immunity, and signals from endocrine and nervous system on fascia. Frontiers in Bioscience (Elite). https://www.imrpress.com/journal/fbe/13/1/10.2741/870
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Primärliteratur: Kraftübertragung & Biomechanik
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Yucesoy, C. A., Koopman, B. H., Baan, G. C., Grootenboer, H. J., & Huijing, P. A. (2003). Effects of inter- and extramuscular myofascial force transmission on tri-articular force production: analysis of experimental data. Journal of Biomechanics, 36(12), 1797–1811.
Literatur Endomysium
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Stecco, A., Giordani, F., Fede, C., Pirri, C., De Caro, R., & Stecco, C. (2023). From muscle to the myofascial unit: Current evidence and future perspectives. International
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Turrina, A., Martínez-González, M. A., & Stecco, C. (2013). The muscular force transmission system: Role of the intramuscular connective tissue. Journal of Bodywork and
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Literatur Schmerz
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Haut & Rezeptoren (Allgemeine Histologie für die Bildinhalte)
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