Fachartikel • Neurologie & Myofasziale Schmerztherapie
Vielversprechende Wege beim Restless-Legs-Syndrom: Von der individuellen Spurensuche zur myofaszialen Therapie
Süß-saure Hoffnung bei unruhigen Beinen? Was aktuelle Leitlinien, systematische Selbsttests und sensomotorische Körpertherapie begleitend leisten können.
Bis zur gesicherten Diagnose eines Restless-Legs-Syndroms (RLS) vergehen oft Jahre – und selbst danach bringen klassische Therapien häufig keine dauerhafte Entlastung. Mit einer geschätzten Prävalenz von 5 bis 10 Prozent in der erwachsenen Bevölkerung zählt RLS nach der Migräne zu den häufigsten chronisch-neurologischen Erkrankungen (Phillips et al., 2000; NDR, 2023).
Die Diagnostik ist anspruchsvoll, da die Beschwerden leicht auf eine falsche Fährte führen. Bevor die Diagnose gestellt werden kann, müssen unter anderem Bandscheibenvorfälle (Radikulopathien), die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK, „Schaufensterkrankheit“), Polyneuropathien oder venöse Störungen ausgeschlossen werden (Heidbreder et al., 2022). Eine ähnlich komplexe diagnostische Spurensuche zeigt sich auch bei anderen chronischen Beschwerdebildern wie der craniomandibulären Dysfunktion (CMD), der Pudendusneuralgie, der abakteriellen Prostatitis oder dem Lichen sclerosus, bei denen funktionelle und myofasziale Zusammenhänge im klinischen Alltag oft erst spät Beachtung finden.
Typische Beschwerden – quälend und schwer zu beschreiben
In unserer Praxis berichten Betroffene über ein charakteristisches Muster, das vor allem abends und nächts in Ruhe auftritt (Allen et al., 2014):
- Ausgeprägter Bewegungsdrang: Ein kaum unterdrückbarer Drang, die Unter- und Oberschenkel (besonders die Waden) zu bewegen, was nachts zu ständigem Hin- und Herwälzen führt.
- Tiefsitzende Missempfindungen: Schwer greifbare Gefühle in der Tiefe des Gewebes, die als kribbelnd, ziehend, pochend, juckend oder elektrisierend beschrieben werden.
- Motorische Unruhe und Schmerz: Unwillkürliches Zittern oder Zuckungen sowie dumpfe bis ziehende Schmerzen, die durch Aufstehen und Umhergehen meist nur kurzzeitig nachlassen.
Warum Medikamente oft nur vorübergehend helfen
In der pharmakologischen Therapie kommen vorrangig Eisensalze, Alpha-2-Delta-Liganden (Antikonvulsiva wie Pregabalin oder Gabapentin), Dopaminagonisten, Opioide und seltener Benzodiazepine zum Einsatz (Heidbreder et al., 2022). Viele Patientinnen und Patienten erleben jedoch, dass diese Mittel nur begrenzte Zeit wirken oder die Symptome nach anfänglicher Besserung sogar verstärkt zurückkehren.
Die aktuelle Forschung liefert hierfür eine plausible Erklärung: Insbesondere unter einer Langzeittherapie mit Dopaminagonisten kommt es bei bis zu 60 Prozent der Betroffenen zur sogenannten Augmentation – einer paradoxen, medikamenteninduzierten Verschlimmerung und zeitlichen Vorverlagerung der Symptome in den Nachmittag (Silber et al., 2021; Winkelman et al., 2016). Zudem spielt eine gestörte Eisenhomöostase im Zentralnervensystem eine Schlüsselrolle (Trenkwalder et al., 2018). Aufgrund der hohen Augmentationsrate haben aktuelle Fachleitlinien Dopaminagonisten als Mittel der ersten Wahl abgewertet und betonen verstärkt nicht-medikamentöse Maßnahmen sowie die Reduktion individueller Verstärker (Heidbreder et al., 2022; Silber et al., 2021).
Systematische Spurensuche statt Behandlungsstress: Die WAW-Methode
Wer aus Verzweiflung viele Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und Verfahren gleichzeitig ausprobiert, verliert schnell den Überblick über Ursache und Wirkung. Der US-amerikanische Pathologe und Medizinjournalist Dr. George D. Lundberg plädiert daher dafür, individuelle Auslöser strukturiert mit der Challenge-Dechallenge-Rechallenge-Methode (CDR) – auf Deutsch: Wirkung – Ausschleichen – Wiederholen (WAW) – zu überprüfen (Lundberg, 2024):
„Geben Sie eine Substanz, und die Person zeigt ein Symptom (Challenge). Setzen Sie die Substanz ab, und das Problem verschwindet wieder (Dechallenge). Lassen Sie den Stoff vollständig aus dem Körper weichen und wiederholen Sie den Vorgang bis zu dreimal (Rechallenge). Wir Pathologen haben dieses Prinzip Ende der 1960er-Jahre erstmals für die medikamenteninduzierte Fettleber beschrieben. Eine Verblindung wäre in solchen N-of-1-Situationen zwar wünschenswert, ist im Alltag jedoch oft nicht praktikabel.“ (Lundberg, 2024, Übers. d. Verf.)
Süßes oder Saures bei RLS? Der Einfluss der Ernährung
Wie aufschlussreich ein solcher N-of-1-Selbsttest (strukturierte Einzelfallbeobachtung) sein kann, zeigt eine Untersuchung von de Groot (2023): In einem wiederholten Auslass- und Provokationsdesign fand er Hinweise darauf, dass der Konsum von Lebensmitteln mit zugesetztem Industriezucker die RLS-Symptomatik direkt auslösen oder verstärken kann. Auch Lundberg (2024) berichtete im Selbstversuch, dass bereits ein einziger Durchgang von Zuckerprovokation und anschließendem Verzicht ausreichte, um Zucker als wesentlichen Treiber seiner nächtlichen Beinunruhe zu identifizieren. Ernährungsmedizinerinnen und -mediziner empfehlen bei RLS daher häufig eine zuckerarme, entzündungsarme Kost in Kombination mit einer gezielten Kontrolle des Eisenstoffwechsels (Schäfer, 2023).
Wichtiger Sicherheitshinweis: Ein solches Austesten in Eigenregie eignet sich ausschließlich für alltägliche Lebensstil- und Ernährungsfaktoren. Bei pharmakologisch wirksamen Substanzen oder ärztlich verordneten Medikamenten darf ein Ausschleichen, Dosisändern oder Pausieren nur unter fachärztlicher Begleitung erfolgen, um Entzugssymptome oder schwere Rebound-Effekte zu vermeiden (Heidbreder et al., 2022).
Medikamentenfreie Wege: Myofasziale Therapie und Bewegung
Die aktuelle S2k-Leitlinie spricht sich ausdrücklich dafür aus, nicht-medikamentöse Verfahren in das Behandlungskonzept einzubeziehen (Heidbreder et al., 2022). Systematische Übersichtsarbeiten und klinische Studien weisen darauf hin, dass angepasstes körperliches Training, Dehnübungen sowie manuelle und somatische Verfahren zur Linderung der Symptomlast beitragen können (Aukerman et al., 2006; Harrison et al., 2018).
Hinzu kommt ein wichtiger differenzialdiagnostischer Aspekt: Chronische Muskelverspannungen und Verhärtungen des Fasziengewebes in Beinen, Gesäß und Becken können Missempfindungen erzeugen, die einem primären RLS täuschend ähneln (sogenannte RLS-Mimics; Allen et al., 2014) oder bestehende RLS-Beschwerden als periphere Reizquelle verstärken (Pohl, 2010; Schleip et al., 2012).
In unserer Praxis setzen wir hier begleitend mit myofaszialen und sensomotorischen Verfahren wie der Pohltherapie® an:
1. Gezielte manuelle Behandlung von Muskulatur und Faszien
Wir spüren chronisch angespannte Muskelzüge und verdichtete fasziale Strukturen an Oberschenkeln, Waden und im Beckenbereich auf und behandeln diese mit spezifischer Bindegewebs-Rollmassage sowie Verfahren aktiver muskulärer Entspannung (Pandiculations) (Pohl, 2010).
2. Alltags- und Haltungsanalyse
Gemeinsam identifizieren wir unbewusste Schonhaltungen oder gewohnheitsmäßige Spannungsmuster (z. B. dauerhaftes Hochziehen der Fersen oder Anspannen der Beinmuskulatur im Sitzen), die den erhöhten Gewebetonus im Alltag aufrechterhalten.
3. Selbstwirksamkeit und therapeutische Evaluation nach dem WAW-Prinzip
Patientinnen und Patienten erlernen gezielte Wahrnehmungsübungen und Selbstbehandlungen. Das WAW-Prinzip nutzen wir dabei zur strukturierten Beobachtung: Wir setzen einen gezielten myofaszialen Behandlungsreiz (Challenge), beobachten die Gewebe- und Symptomreaktion in einer anschließenden Behandlungspause (Dechallenge) und wiederholen den Impuls nach einem definierten Intervall (Rechallenge).
Quick-Check: Trifft RLS auf Sie zu?
Zur strukturierten Ersteinschätzung der Beschwerdeintensität nutzen wir in unserer Praxis die validierte deutschsprachige Fassung der International Restless Legs Study Group Severity Rating Scale (IRLS) (Walters et al., 2003). Als Patientin oder Patient erhalten Sie diesen Fragebogen gerne im Rahmen unserer praxisinternen Prä-Evaluation.
Für eine erste Orientierung vorab bietet die Deutsche Restless Legs Vereinigung (2024) zudem einen kostenfreien Online-Selbsttest an:
Zum Online-Selbsttest der Deutschen Restless Legs Vereinigung →
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Restless-Legs-Syndrom
Was versteht man unter Augmentation beim Restless-Legs-Syndrom?
Als Augmentation bezeichnet man eine paradoxe Verschlimmerung der RLS-Symptome durch die langfristige Einnahme bestimmter Medikamente, insbesondere von Dopaminagonisten. Dabei treten die Beschwerden im Tagesverlauf immer früher auf, nehmen an Intensität zu oder breiten sich auf weitere Körperregionen wie die Arme aus (Silber et al., 2021; Heidbreder et al., 2022).
Wie funktioniert der WAW-Selbsttest (Challenge-Dechallenge-Rechallenge) bei RLS?
Beim WAW-Prinzip (Wirkung – Ausschleichen – Wiederholen) wird ein möglicher Alltags- oder Ernährungsfaktor wie Industriezucker gezielt beobachtet (Challenge), anschließend konsequent weggelassen (Dechallenge) und später erneut getestet (Rechallenge). So lässt sich systematisch prüfen, ob ein individueller Faktor die Beschwerden verstärkt (Lundberg, 2024; de Groot, 2023). Bei Medikamenten darf dies ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Welche Rolle spielt die Ernährung bei unruhigen Beinen?
Neben einem ausgeglichenen Eisenstoffwechsel (Trenkwalder et al., 2018) weisen Einzelfallstudien und ernährungsmedizinische Beobachtungen darauf hin, dass ein hoher Konsum von zugesetztem Zucker die RLS-Beschwerden triggern oder verstärken kann (de Groot, 2023; Schäfer, 2023). Eine zuckerarme, nährstoffreiche Kost kann die Basistherapie sinnvoll unterstützen.
Was sind RLS-Mimics und wie kann eine myofasziale Therapie unterstützen?
Als RLS-Mimics gelten Beschwerdebilder, die einem Restless-Legs-Syndrom stark ähneln, jedoch andere Ursachen haben – etwa chronische Verspannungen der Muskulatur und Verhärtungen des Fasziengewebes in Beinen und Becken (Allen et al., 2014; Pohl, 2010). Myofasziale und sensomotorische Verfahren wie die Pohltherapie® zielen darauf ab, diese Gewebespannungen manuell und durch gezieltes Bewegungstraining zu regulieren.
Literaturverzeichnis (APA 7th Edition)
- Allen, R. P., Picchietti, D. L., Garcia-Borreguero, D., Ondo, W. G., Walters, A. S., Winkelman, J. W., Zucconi, M., Ferri, R., Trenkwalder, C., Lee, H. B., & International Restless Legs Syndrome Study Group. (2014). Restless legs syndrome/Willis-Ekbom disease diagnostic criteria: Updated International Restless Legs Syndrome Study Group (IRLSSG) consensus criteria – history, rationale, description, and significance. Sleep Medicine, 15(8), 860–873. https://doi.org/10.1016/j.sleep.2014.03.025
- Aukerman, M. M., Aukerman, D., Bayard, M., Tudiver, F., Thorp, L., & Bailey, B. (2006). Exercise and restless legs syndrome: A randomized controlled trial. The Journal of the American Board of Family Medicine, 19(5), 487–493. https://doi.org/10.3122/jabfm.19.5.487
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- Deutsche Restless Legs Vereinigung (RLS e. V.). (2024). Checkliste RLS sowie RLS-Selbsttest. Abgerufen am 11. Februar 2024, von https://www.restless-legs.org/restless-legs/syndrom/selbsttest/
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- Heidbreder, A., Trenkwalder, C., Bachmann, C. G., Bartl, M., Fulda, S., Habersack, L., Mitterling, T., Paulus, W., Schormair, B., Sommer, M., Stefani, A., & Högl, B. (2022). Restless-Legs-Syndrom (RLS), S2k-Leitlinie, 2022 (AWMF-Registernummer 030/081, Version 5.3). Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) & Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-081
- Lundberg, G. D. (2024, 10. Januar). Is this the cure for restless legs? Medscape. https://www.medscape.com/viewarticle/999935
- Norddeutscher Rundfunk (NDR). (2023, 9. September). Restless-Legs-Syndrom: Symptome und Behandlung. https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Restless-Legs-Symptome-und-Behandlung,restlesslegssyndrom102.html
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- Pohl, H. (2010). Unerklärliche Beschwerden? Chronische Schmerzen und andere Leiden körpertherapeutisch verstehen und behandeln. Knaur MensSana.
- Schäfer, S. (2023, 16. März). Nervennahrung: Eher Eisen als Zucker – Dr. Silja Schäfer über Restless Legs (Folge 14) [Audio-Podcast-Episode]. In Die Ernährungs-Docs. Norddeutscher Rundfunk (NDR). https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/die-ernaehrungsdocs/14-Nervennahrung-Eher-Eisen-als-Zucker-Dr-Silja-Schaefer-ueber-Restless-Legs,audio1434242.html
- Schleip, R., Findley, T. W., Chaitow, L., & Huijing, P. A. (Hrsg.). (2012). Fascia: The tensional network of the human body – The science and clinical applications in manual and movement therapy. Churchill Livingstone Elsevier.
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- Trenkwalder, C., Allen, R., Högl, B., Clemens, S., Patton, S., Schormair, B., & Winkelmann, J. (2018). Comorbidities, treatment, and pathophysiology in restless legs syndrome. The Lancet Neurology, 17(11), 994–1005. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(18)30311-9
- Walters, A. S., LeBrocq, C., Dhar, A., Hening, W., Rosen, R., Allen, R. P., Trenkwalder, C., & International Restless Legs Syndrome Study Group. (2003). Validation of the International Restless Legs Syndrome Study Group rating scale for restless legs syndrome. Sleep Medicine, 4(2), 121–132. https://doi.org/10.1016/s1389-9457(02)00258-7
- Winkelman, J. W., Armstrong, M. J., Allen, R. P., Chaudhuri, K. R., Ondo, W., Trenkwalder, C., Zee, P. C., Gronseth, G. S., Gloss, D., & Zesiewicz, T. (2016). Practice guideline summary: Treatment of restless legs syndrome in adults: Report of the Guideline Development, Dissemination, and Implementation Subcommittee of the American Academy of Neurology. Neurology, 87(24), 2585–2593. https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000003388
