Fachartikel • Faszienforschung & Schmerztherapie
Warum das Bindegewebe direkt unter unserer Haut für Schmerz und Wohlbefinden eine Schlüsselrolle spielt
Autor: Tilo Mörgen (Dipl.-Soz., Fachautor, Pohltherapeut®)
Direkt im Unterhautfettgewebe verbirgt sich mit der oberflächlichen Faszie (Fascia superficialis) das am zweitstärksten innervierte Gewebe unseres Körpers. Aktuelle Studien zeigen, warum unerklärliche, tief empfundene oder ausstrahlende Beschwerden häufig myofaszial bedingt sind – und wie Sie Ihre eigene Gewebeverschieblichkeit mit dem Hautrolltest erspüren können.
Eine Patientin kommt nach langer Ärzteodyssee verzweifelt in unsere Praxis: „Kann es sein, dass meine Schmerzen, die ich so tief spüre, die gleichzeitig so seltsam ausstrahlen und mich verzweifeln lassen, von dem Bindegewebe und den Muskeln kommen? Ist da nicht doch ein Knochen geschädigt oder ein Nerv eingeklemmt?“ Oft lautet unsere Antwort dann: „Fachärztlich und bildgebend wurde bei Ihnen ja nichts Schwerwiegendes gefunden. Das ist erst einmal eine gute Nachricht für Sie. Wir schauen und spüren jetzt gemeinsam genau nach. Und ja: Ihre belastenden, oft unerklärlichen Beschwerden können tatsächlich von Muskeln und Bindegewebe (myo = Muskel & faszial = bindegewebig) ausgehen.“
Wie können starke Schmerzen und Beschwerden „nur“ myofaszial bedingt entstehen?
Wenn von Faszien die Rede ist, denken die meisten Menschen an die kräftigen weißen Hüllen rund um unsere Muskeln (Adstrum et al., 2017; Klingler et al., 2014; Schleip et al., 2026). Doch noch näher an der Oberfläche – direkt im Unterhautfettgewebe – verbirgt sich eine Struktur, die in der Medizin lange übersehen wurde: die oberflächliche Faszie (Fascia superficialis) (Abu-Hijleh et al., 2006; Lancerotto et al., 2011). Aktuelle Forschungen rund um den Mediziner Dr. Antonio Stecco zeigen, dass diese feine, elastische Gewebeschicht den gesamten Körper wie ein zweiter, unsichtbarer Neoprenanzug unter der Haut durchzieht und eine Hauptrolle bei chronischen Schmerzen, Berührungsempfindlichkeit und Schwellungen spielt (Fede et al., 2025; Pavan et al., 2014; A. Stecco et al., 2013; C. Stecco, 2015).
Drei wichtige Punkte zur Orientierung:
- Zweitgrößtes Sinnesorgan: Direkt nach der Haut besitzt die oberflächliche Faszie die höchste Dichte an freien Nervenendigungen und reagiert hochempfindlich auf mechanischen Zug, Gewebeübersäuerung und vegetativen Stress (Fede et al., 2020, 2022; Mense, 2019; Tesarz et al., 2011).
- Molekulare & spinale Schmerzschalter: Verdichten sich die hyaluronsäurereichen Gleitschichten, aktivieren mechanische Zugkräfte und Säureprotonen spezielle Ionenkanäle (PIEZO1/2, TRPV1), während Angst und Schonhaltungen die Schmerzweiterleitung im Rückenmark verstärken (Coste et al., 2010; Geuter & Büchel, 2013; Murthy et al., 2018).
- Gezielte Tastbefundung & Regulation: Mit dem sanften Hautrolltest lassen sich Veränderungen der Unterhaut spürbar erfassen und durch schichtgenaue manuelle Impulse sowie positive Bewegungserfahrungen funktionell begleiten (Brandl et al., 2023; C. Stecco, 2015).
Wichtiger Hinweis zur fachärztlichen Abklärung:
Anhaltende oder stark ausstrahlende Schmerzen, neu auftretende Schwellungen, Gefühlsstörungen (wie Taubheit oder Kribbeln), sichtbare Venenveränderungen oder entzündliche Hautreaktionen sollten vor einer manuellen Behandlung oder Eigenübung stets fachärztlich abgeklärt werden, um strukturelle, neurologische, vaskuläre oder internistische Ursachen sicher auszuschließen.
Wie unsere Unterhaut aufgebaut ist: Polsterung und Gleitlager
Die oberflächliche Faszie teilt unsere Unterhaut in zwei Etagen mit völlig unterschiedlichen Aufgaben (Lancerotto et al., 2011; Sbarbati et al., 2010). Nur wenn beide Schichten reibungslos zusammenarbeiten, fühlt sich unser Körper geschmeidig und frei beweglich an (Klingler et al., 2014; Pavan et al., 2014):
Die zwei funktionellen Etagen der Unterhaut:
- Die obere Polsterschicht: Zwischen Haut und oberflächlicher Faszie halten feste, senkrechte Fasern kleine Fettkammern zusammen, die polstern und vor Kälte schützen (Lancerotto et al., 2011; Nash et al., 2004; Sbarbati et al., 2010).
- Die untere Gleitschicht: Unterhalb der oberflächlichen Faszie liegen feine, schräge Fasern in einem lockeren Gewebe voller Hyaluronsäure, das wie ein Schmiermittel wirkt (Pavan et al., 2014; C. Stecco et al., 2011; C. Stecco, 2015).
Abb. 1 – Schichtenaufbau der Unterhaut & Faszien nach Stecco et al.: Die oberflächliche Faszie (Fascia superficialis) trennt das ektodermale Polsterfett (SAT) mit seinen kräftigen vertikalen Haltefasern (Retinacula cutis superficialis) vom mesodermalen tiefen Fettgewebe (DAT), das durch schräge Septen und Hyaluronsäure als Haupt-Gleitschicht zur tiefen Muskelfaszie (Fascia profunda) wirkt. Innerhalb einer Dopplung (Bilamination) der oberflächlichen Faszie verlaufen oberflächliche Venen, Lymphbahnen, Hautnerven sowie zahlreiche freie Nervenendigungen und Mastzellen (Klick auf das Bild zur Vergrößerung).
Warum das freie Gleiten der Haut so wichtig ist
Dieses ausgeklügelte Schichtenmodell hat einen einfachen Grund: Es trennt unsere Außenwahrnehmung von unserer Eigenbewegung (C. Stecco, 2015; C. Stecco et al., 2019). Unsere Haut ist dafür gebaut, Berührungen, Druck und Temperatur aus der Umwelt wahrzunehmen (Fede et al., 2022; C. Stecco et al., 2019). Unsere Muskeln und tiefen Faszien darunter müssen dagegen kräftig arbeiten, sich zusammenziehen, Kräfte übertragen und unsere Bewegung im Raum steuern (Baar, 2017; Klingler et al., 2014; Schleip et al., 2019; Warneke et al., 2024; Wilke et al., 2018; Woo et al., 2015).
Die lockere Gleitschicht sorgt wie ein bewegliches Seidenfutter in einer Jacke dafür, dass sich die Haut an manchen Körperstellen um bis zu fünf Zentimeter frei über den arbeitenden Muskeln verschieben kann (Lancerotto et al., 2011; C. Stecco, 2015). Dickt die flüssige Hyaluronsäure in dieser Schicht jedoch ein und trocknet das Gewebe durch Bewegungsmangel, Fehlhaltungen, Prellungen, Narben oder Entzündungen aus, verfilzen die Kollagenfasern und die Schichten „verkleben“ miteinander (Baar, 2017; Brandl et al., 2024; Klingler et al., 2014; Langevin et al., 2011; Pavan et al., 2014; Schleip et al., 2012; C. Stecco et al., 2011). Dann zerrt jede Muskelbewegung plötzlich von innen an der Haut, und jede leichte Berührung von außen drückt direkt in die Tiefe (Langevin et al., 2011; Pavan et al., 2014; A. Stecco et al., 2013). Die eingeengten Nervenendigungen schlagen Dauer-Fehlalarm, was Betroffene als brennenden, ziehenden Schmerz oder als extreme Berührungsempfindlichkeit wahrnehmen (Hoheisel et al., 2015; Mense, 2019; Schilder et al., 2014; Schleip, 2003; C. Stecco et al., 2019).
Muskel- oder Faszienschmerz? Wie Sie den Unterschied spüren
Lange nahm man an, Schmerzen im Bewegungsapparat kämen fast immer direkt aus den Muskelfasern. Gezielte Untersuchungen am Menschen belegen jedoch, dass Muskel und Faszie völlig unterschiedlich schmerzen und Faszienschmerzen oft fälschlich für Nervenschmerzen gehalten werden (Schilder et al., 2014; Schilder et al., 2018):
Woran sich Muskel- und Faszienschmerzen unterscheiden:
- Dumpf versus brennend-stechend: Ein gereizter Muskel schmerzt dumpf, drückend oder pochend, während Faszien – wie die Haut – stechend, schneidend, reißend oder brennend schmerzen (Schilder et al., 2014; Schilder et al., 2018).
- Weite Ausstrahlung statt Punkt-Schmerz: Während reiner Muskelschmerz meist lokal am Druckort bleibt, strahlt Faszienschmerz großflächig entlang myofaszialer Ketten aus und wirkt emotional belastender (Schilder et al., 2014; C. Stecco et al., 2019; Wilke et al., 2016).
- „Muskelkater“ ist oft Faszienkater: Nach ungewohnter oder abbremsender (exzentrischer) Belastung sinkt die Schmerzschwelle der Faszie um mehr als 80 Prozent, während das Bindegewebe anschwillt und an Steifigkeit zunimmt – der bekannte Belastungsschmerz sitzt somit primär in den kraftübertragenden Faszienhüllen und kaum im Muskelbauch (Gibson et al., 2009; Hotfiel et al., 2018; Lau et al., 2015; Warneke et al., 2024; Wilke et al., 2018, 2020).
- Schnelles Schmerzgedächtnis: Gewebeübersäuerung und Nervenwachstumsfaktoren machen Faszien wochenlang überempfindlich und verstärken die Schmerzleitung im Rückenmark (Deising et al., 2012; Schilder et al., 2016; Weinkauf et al., 2015).
Molekulare Schmerzschalter: Was der Medizin-Nobelpreis über verklebte Faszien verrät
Wie genau verwandelt sich eine verklebte Faszie in ein elektrisches Schmerzsignal? Die Antwort lieferten die Medizin-Nobelpreisträger Prof. Dr. Ardem Patapoutian und Prof. Dr. David Julius mit der Entdeckung mikroskopisch kleiner Ionenkanäle in unseren Zellhüllen, die wie mechanische und chemische Schalter auf Zug, Druck, Hitze und Säure reagieren (Caterina et al., 1997; Coste et al., 2010; Woo et al., 2015):
Drei molekulare Sensoren im Fasziengewebe:
- Berührungsschmerz durch PIEZO2: Verklebt die Gleitschicht, zerrt jede Bewegung an den PIEZO2-Tastrezeptoren der Nerven und verwandelt sanften Druck in stechenden Schmerz (Coste et al., 2010; Murthy et al., 2018; Szczot et al., 2018).
- Gewebeverhärtung durch PIEZO1: Mechanischer Zug öffnet PIEZO1-Kanäle auf Bindegewebszellen, verwandelt sie in kontrahierende Myofibroblasten und versteift die Faszie (Coste et al., 2010; He et al., 2021, 2024; Schleip et al., 2019).
- Brennender Schmerz durch TRPV1: Bei Übersäuerung und Entzündung schlagen TRPV1-Hitzerezeptoren auf den Fasziennerven an und erzeugen das typisch heiß-brennende Schmerzgefühl (Caterina et al., 1997; Mense, 2019; Mense & Hoheisel, 2016).
Unser zweitgrößtes Sinnesorgan: Die Verbindung zu Stress und Fibromyalgie
Besonders verblüffend sind die Erkenntnisse aus den Laboren der Faszienforschung rund um Prof. Dr. Carla Stecco, Prof. Dr. Robert Schleip und Dr. Andreas Brandl: Direkt nach der Haut besitzt die oberflächliche Faszie die zweithöchste Dichte an freien Nervenendigungen im gesamten Körper – sie ist damit deutlich empfindlicher als unsere Muskeln, Gelenkkapseln oder Sehnen (Fede et al., 2020, 2022; Mense, 2019; Schleip, 2003; Tesarz et al., 2011).
Darüber hinaus ist das Fasziengewebe kein passives Verpackungsmaterial, sondern besitzt aktive Bindegewebszellen (Myofibroblasten), ein dichtes Netz unbewusster (vegetativer) Nervenfasern und spezielle Immunzellen (Mastzellen) (Brandl et al., 2023; Fede et al., 2022, 2023; Schleip et al., 2005, 2019; Tesarz et al., 2011):
Wie Stress und innere Reize auf die Faszie wirken:
- Aktive Verkrampfung & gedrosselte Mikrozirkulation bei Stress: Spezielle Bindegewebszellen (Myofibroblasten) ziehen sich unter Stress- und Entzündungsbotenstoffen aktiv zusammen, versteifen das Fasziengewebe und schränken gemeinsam mit einer sympathikotonen Gefäßengstellung die lokale Durchblutung (Mikrozirkulation) sowie die Gleitfähigkeit ein (Brandl et al., 2022, 2023, 2024; Michalak et al., 2022; Overmann et al., 2024; Schleip et al., 2005, 2019, 2026).
- Reaktion auf seelische Belastung und innere Reize: Chronischer Stress, depressive Verstimmungen oder Organreizungen (wie ein Reizdarm) aktivieren über das vegetative Nervensystem die fasziale Grundspannung sowie die Mastzellen in der Unterhaut (Brandl et al., 2023; Fede et al., 2022, 2023; Michalak et al., 2022; Overmann et al., 2024; Schleip, 2003; Tesarz et al., 2011).
- Entstehung von Fibromyalgie: Schütten Mastzellen Botenstoffe wie Histamin aus und bleibt das verfestigte Gewebe unterversorgt, wird die oberflächliche Faszie überempfindlich – ein wichtiger Erklärungsansatz für die typischen Schmerzpunkte (Tender Points) bei Fibromyalgie (Brandl et al., 2023; Fede et al., 2023; Klingler et al., 2014; Liptan, 2010; Overmann et al., 2024).
- Erstaunliche Zugkraft im Nacken und Gesicht: Trotz hoher Elastizität hält die oberflächliche Faszie im Nacken zehn Kilogramm Zug stand und umschließt im Gesicht die mimischen Muskeln (Berardo et al., 2024; Fede et al., 2025; C. Stecco, 2015).
Wenn die Angst vor dem Schmerz mitfühlt: Wie Erwartungen Rückenmark und Faszien steuern
Schmerz entsteht nie allein im Gewebe, sondern wird im Rückenmark und Gehirn wie an einem Mischpult verstärkt oder gedämpft. Klassische Studien der modernen Neurowissenschaft belegen, dass schon eine negative Erwartung oder die Sorge vor einer schmerzhaften Bewegung – der sogenannte Nocebo-Effekt – über messbare biologische Schaltkreise echte körperliche Schmerzen verstärkt (Atlas & Wager, 2012; Benedetti et al., 2007; Colloca & Barsky, 2020; Koyama et al., 2005):
Neurobiologische Effekte von Schmerzerwartung und Angst:
- Offene Schmerztore im Rückenmark: Negative Erwartungen öffnen im Rückenmark die „Schmerztore“, sodass selbst kleine Zugreize aus verklebten Faszien ungefiltert ins Gehirn gelangen (Eippert et al., 2009; Geuter & Büchel, 2013).
- Angst-Botenstoffe als Verstärker: Erwartungsangst setzt im Nervensystem Botenstoffe (Cholezystokinin) frei, die sogar die Wirkung stärkster Schmerzmittel aufheben können (Benedetti et al., 2006; Bingel et al., 2011; Colloca et al., 2008).
- Der Angst-Spannungs-Kreislauf: Aus Sorge vor Schmerz gerät der Körper in unbewusste Schonhaltung und muskulär-fasziale Daueranspannung – der Bewegungsmangel lässt die Faszien noch stärker verfilzen (Brandl et al., 2022, 2024; Vlaeyen & Linton, 2000).
Mehr als nur Schmerz: Schutz für Venen, Lymphe und Hautnerven
Weil wichtige Versorgungsbahnen nicht einfach lose im Fettgewebe liegen, sondern direkt in die oberflächliche Faszie eingebettet sind, hat ihre Spannung weitreichende Folgen für den gesamten Körper (Abu-Hijleh et al., 2006; Caggiati, 2000; Fede et al., 2025):
Funktionelle Bedeutung für Gefäße, Lymphe und Nervenbahnen:
- Natürlicher Stützstrumpf für die Venen: Große Beinvenen liegen in einer Hülle dieser Faszie, deren elastische Spannung den Rücktransport des Blutes beim Gehen zum Herzen funktionell unterstützt (Abu-Hijleh et al., 2006; Caggiati, 2000; C. Stecco, 2015).
- Freie Bahn für das Lymphsystem: Da die Lymphbahnen in der oberflächlichen Faszie verlaufen, blockiert ein Flüssigkeitsstau (Lymphödem) sofort die Verschiebbarkeit der Haut (Fede et al., 2025; C. Stecco, 2015).
- Gleitschutz für Hautnerven: Empfindliche Hautnerven verlaufen wie in einem schützenden Teleskoprohr durch die Faszie; verklebt sie, entstehen leicht Reizungen, Kribbeln oder Brennen (Fede et al., 2022; Mense, 2019; C. Stecco et al., 2019).
- Ausstrahlende Schmerzen (Fasziatome): Zieht ein Schmerz vom Rücken ins Bein, liegt das oft an durchgehenden Spannungsketten der tiefen Muskelfaszien (Brandl et al., 2024; Langevin et al., 2011; C. Stecco et al., 2019; Wilke et al., 2016, 2018).
Wie man „Verklebungen“ erkennt und gezielt behandelt
Nicht überall am Körper darf die Haut locker gleiten. An den Handflächen und Fußsohlen ist die Haut fest mit der Tiefe verwachsen, damit wir sicher greifen und laufen können, ohne wegzurutschen (Nash et al., 2004; C. Stecco, 2015). Auch über dem Brustbein, entlang der Wirbelsäule, an der Leiste und direkt über den Gelenken gibt es solche natürlichen Haltepunkte (Abu-Hijleh et al., 2006; Lancerotto et al., 2011; C. Stecco, 2015).
Es gibt jedoch große Bereiche – die sogenannten Quadranten –, in denen Haut und Unterhaut weich und unbehindert gleiten sollten (C. Stecco, 2015; Taylor & Palmer, 1987). In der therapeutischen Tastbefundung (Palpation) lässt sich dies mit dem Hautrolltest prüfen: Dabei wird eine Hautfalte sanft angehoben und zwischen den Fingern gerollt (C. Stecco, 2015). Ist das Gewebe in der Mitte eines solchen Feldes verdickt, kaum abhebbar oder druckempfindlich, weist dies auf eine Veränderung der oberflächlichen Faszie und des Unterhautbindegewebes hin (Langevin et al., 2009; Pavan et al., 2014; Pirri et al., 2022; A. Stecco et al., 2016).
Durch eine gezielte, schichtgenaue manuelle Behandlung von Haut und Unterhaut sowie angepasste Dehn- und Bewegungsreize kann in der Praxis Bruckmann die flüssige Gleitschicht funktionell unterstützt und das Schmerzgeschehen positiv moduliert werden: Langsame Druck- und Scherimpulse sprechen spezielle Faszienrezeptoren (Ruffini-Körperchen) an, die das vegetative Nervensystem beruhigen, während der mechanische Dauerzug auf die PIEZO1- und PIEZO2-Kanäle nachlässt (He et al., 2024; Murthy et al., 2018; Schleip, 2003). Gleichzeitig wird das Gewebe wie ein ausgepresster Schwamm mit frischer Flüssigkeit durchspült, wodurch die lokale Mikrozirkulation ansteigt, überschüssige Gewebesäure abtransportiert wird und sich die TRPV1-Schmerzkanäle beruhigen können (Brandl et al., 2023; Mense, 2019; Schleip et al., 2012; Wilke et al., 2020). Verbindet man diese manuelle Entlastung mit verständlicher Aufklärung und sicheren, positiven Bewegungserfahrungen, reduziert sich auch die Erwartungsangst: Die körpereigene Schmerzhemmung im Rückenmark wird unterstützt, die überreizten Nervenendigungen werden entlastet, und der Körper wird auf dem Weg zu seiner natürlichen Bewegungsfreiheit begleitet (Baar, 2017; Bingel et al., 2011; Colloca & Barsky, 2020; Michalak et al., 2022; Schleip et al., 2026; A. Stecco et al., 2016; Vlaeyen & Linton, 2000; Warneke et al., 2024).
Spür-Experiment für zu Hause: So testen Sie Ihre Gewebeverschieblichkeit mit dem Hautrolltest
Mit dem Hautrolltest können Sie innerhalb weniger Minuten selbst erkunden, wie geschmeidig Ihre Haut und das darunterliegende Unterhautbindegewebe über Ihren Muskeln gleiten. Der Test ist kein Kraftakt, sondern eine Einladung zum achtsamen Hinspüren: Sie prüfen damit ausschließlich die oberste Gewebeschicht, ohne fest in die Tiefe zu drücken.
1. Gute Vorbereitung für ein klares Spürergebnis
Damit Sie tatsächlich das Bindegewebe der Unterhaut und nicht etwa einen angespannten Muskel beurteilen, helfen drei einfache Grundregeln:
- Muskeln locker lassen: Setzen oder legen Sie sich bequem hin, damit die Muskulatur unter der Teststelle völlig entspannt bleibt.
- Trockene Haut: Führen Sie den Test auf ungecremter Haut durch, damit Ihnen die Hautfalte nicht zwischen den Fingern wegrutscht.
- Sanft vorgehen: Bleiben Sie behutsam – der Test dient dem achtsamen Spüren und Erkunden, nicht dem kräftigen Durchkneten.
2. Schritt-für-Schritt-Anleitung
In 4 Schritten durch den Hautrolltest:
- Haut sanft verschieben: Legen Sie die flachen Fingerkuppen auf die Haut und schieben Sie diese leicht in verschiedene Richtungen, um das freie Gleiten über der Tiefe zu erspüren.
- Hautfalte abheben: Greifen Sie mit Daumen und Zeigefinger beider Hände eine weiche Hautfalte und heben Sie diese sanft nach oben an, ohne in den Muskel darunter zu kneifen.
- Welle langsam rollen: Rollen Sie die angehobene Falte Schritt für Schritt zwischen Ihren Fingern weiter, indem die Zeigefinger vorangehen und die Daumen die Haut nachschieben.
- Seiten vergleichen: Prüfen Sie immer beide Körperseiten oder benachbarte Bereiche, um Unterschiede in der Gewebedicke, Verschiebbarkeit und Empfindlichkeit wahrzunehmen.
3. Die drei besten Körperstellen zum Ausprobieren
Da unsere Haut an Gelenken und bestimmten Körperlinien von Natur aus fest verankert ist, testen Sie immer in der freien Mitte einer Körperregion (den Quadranten):
- Unterarm: Legen Sie den Arm locker auf einem Tisch ab und testen Sie die Mitte der Ober- oder Innenseite, während Sie Handgelenk und Ellenbogen aussparen.
- Oberschenkel: Setzen Sie sich mit entspannt ausgestrecktem Bein hin und prüfen Sie die Mitte der Vorder- oder Außenseite mit gutem Abstand zu Kniescheibe und Leiste.
- Bauchdecke: Legen Sie sich mit angestellten Beinen auf den Rücken und testen Sie einige Zentimeter seitlich des Nabels, da die Haut genau in der Körpermitte (Linea alba) natürlich befestigt ist.
4. Was Sie unter Ihren Fingern spüren können
Je nachdem, wie flüssig und beweglich die Gleitschicht unter Ihrer oberflächlichen Faszie ist, fühlt sich das Gewebe unterschiedlich an: Bei geschmeidigem Gewebe lässt sich die Haut mühelos anheben, fühlt sich weich an und gleitet ohne unangenehmen Druck durch die Finger. Bei verdichtetem Bindegewebe lässt sich die Falte schwerer greifen, wirkt ungewöhnlich fest und reagiert schon bei sanftem Rollen mit einem hellen Ziehen oder Brennen. Direkt über natürlichen Ankerpunkten (Gelenken, Knochenkanten, Brustbein oder Wirbelsäule) ist ein geringerer Spielraum hingegen vollkommen normal.
Sicherheitshinweis zur Durchführung des Hautrolltests:
Sparen Sie akute Verletzungen, frische Operationsnarben, Blutergüsse, Sonnenbrand oder entzündete Hautstellen beim Testen konsequent aus. Auch direkt über ausgeprägten Krampfadern, bei offenen Venenleiden, Thromboseverdacht oder starken Flüssigkeitseinlagerungen (Lymphödemen) darf kein Hautrolltest durchgeführt werden. Wenn Sie beim vorsichtigen Erkunden feste oder empfindliche Stellen entdecken, liefert Ihnen dies einen hilfreichen Hinweis darauf, welche Regionen in einer professionellen manuellen Bindegewebsbehandlung genauer betrachtet werden können.
Individuelle Begleitung & strukturierte Hilfe zur Selbsthilfe
Wenn Sie unter anhaltenden myofaszialen Schmerzen, Berührungsempfindlichkeit oder Bewegungseinschränkungen leiden, unterstützen wir Sie auf zwei Wegen:
1. Untersuchung vor Ort & Online-Sprechstunde
In unseren Praxen für Pohltherapie®, Beckentherapie Bruckmann und myofasziale Schmerztherapie nehmen wir uns Zeit für eine gründliche manuelle Tastbefundung von Haut, Unterhaut und tiefer Muskulatur:
- Praxis Saarbrücken: Pestelstraße 4, 66119 Saarbrücken
- Praxis Neustadt a. d. Weinstraße: Hauptstraße 93–95, 67433 Neustadt
2. Selbsthilfe: Buch, Kurse & App
Begleitend zur Therapie finden Sie sanfte Körperwahrnehmungs-Übungen, Alltagstipps und Selbstbehandlungen der Pohltherapie® in unseren Ratgebern (Droemer Knaur) sowie in unserer kostenfreien Gesundheits-App:
- Fachratgeber: Rückenschmerzen selbst behandeln mit der Pohltherapie & Kloß im Hals (Renate Bruckmann & Tilo Mörgen)
- Digitale Begleitung: Onlinekurse & kostenlose App GesundMove
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