Faszien, Stress und warum Röntgenbilder nicht alles sagen
von Tilo Mörgen, Dipl. Soz., Pohltherapeut
Liebe Patientinnen und Patienten der Praxis Bruckmann, in der modernen Schmerzforschung findet aktuell ein faszinierendes Umdenken statt. Lange Zeit galten rein mechanische „Abnutzungen“ der Wirbelsäule als Hauptursache für Rückenschmerzen. Ein umfassendes neues Erklärungsmodell von Dr. Andreas Brandl und anderen (siehe unsere Podcasts mit Brandl oder Dr. Overmann) räumt allerdings mit veralteten Vorstellungen auf und es wird gezeigt: Rückenschmerzen sind ein komplexes Zusammenspiel aus mechanischen Faszien-Verklebungen, Stress, unserem Nervensystem und sogar unserem sozialen Umfeld. Wir haben akutell die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse dieses Modells für Sie zusammengefasst.
Der Mythos Rückenschmerz wird entzaubert
- Verschleiß auf dem Röntgenbild ist meist normal: Veränderungen an der Wirbelsäule (wie Bandscheibenvorwölbungen) gelten oft als Schmerzursache. Studien zeigen jedoch, dass diese Veränderungen auch bei völlig schmerzfreien Menschen reine Alterserscheinungen sind – so haben 84 % der gesunden 80-Jährigen Bandscheibenvorwölbungen (Brinjikji et al., 2015). Ein „schlechtes“ MRT-Bild sagt Längsschnittstudien zufolge ein zukünftiges Schmerzrisiko kaum voraus (Tonosu et al., 2017).
- Faszien als heimliche Schmerzquelle („Frozen Back“): Die große Rückenfaszie (Fascia thoracolumbalis) trägt bis zu 75 % zur Stabilität unserer Wirbelsäule bei (Bojairami & Driscoll, 2022). Wenn Faszien ihre Gleitfähigkeit verlieren und mit der Unterhaut verkleben, entsteht eine enorme Reibung. Dieses Phänomen wird als „Frozen Back“ bezeichnet und führt zu schmerzhaften Bewegungseinschränkungen (Brandl & Schleip, 2025; Langevin et al., 2011).
- Muskelkater ist eigentlich ein „Faszienkater“: Lange dachte man, Überlastungsschmerz entstünde tief im Muskel. Neuere Untersuchungen belegen jedoch, dass der typische brennende oder schneidende Schmerz bei extremer Belastung direkt aus dem extrem sensiblen, stark mit Nerven durchzogenen Fasziengewebe stammt (Schilder et al., 2018; Brandl, Wilke, Egner, Schmidt et al., 2023).
- Stress und negative Gefühle verkleben das Gewebe: Faszien reagieren auf unseren mentalen Zustand. Chronischer Stress, emotionale Konflikte oder depressive Verstimmungen führen über unser vegetatives Nervensystem dazu, dass dem Bindegewebe Wasser entzogen wird. Das Gewebe wird buchstäblich starr und „trocknet aus“ (Brandl, Engel, Egner, Schleip & Schubert, 2024; Müller et al., 2022).
- Die Bedeutung sozialer Sicherheit: Sogar unsere Beziehungen beeinflussen unsere Schmerzen und Gewebeheilung. Partnerkonflikte können entzündungshemmende Botenstoffe blockieren und die Wundheilung verzögern (Kiecolt-Glaser et al., 2005), während soziale Einbindung und Unterstützung schützend wirken (Donohue et al., 2026).
Wie wir helfen: Methodenmix, statt mechanische Behandlung
- Wenn wir Sie mit manueller Therapie oder Dehnübungen (Pohltherapie bei Rückenschmerzen) behandeln,dann passiert viel mehr, als dass wir das Gewebe nur rein „mechanisch“ bearbeiten (Bialosky et al., 2018). Wenn wir Verspannungen in den Faszien lösen, liegt der Erfolg also nur zum Teil am direkten Ziehen oder Drücken auf das Gewebe (Keter et al., 2025). Ein großer Teil der Schmerzlinderung und der positiven Gewebeveränderung entsteht stattdessen über Ihr unbewusstes (autonomes) Nervensystem (Schleip & Stecco, 2021). Eine behutsame und stressfreie Berührung regt spezielle Nervenenden in der Haut und im Gewebe an (McGlone et al., 2014). Dadurch wird Ihrem Körper auf unbewusster Ebene signalisiert: „Du bist hier absolut sicher“ – ein Vorgang, den man Neurozeption nennt (Porges, 2022). Weil sich Ihr Körper nun in Sicherheit wiegt, schaltet er in den Entspannungsmodus. Das führt dazu, dass das Nervensystem Entzündungen im Körper stark ausbremst und heilungsfördernde Stoffe ausschüttet (Langevin, 2021). Gezielte Handgriffe (wie wir sie in der Praxis Bruckmann anwenden), die genau auf Ihr Fasziengewebe abgestimmt sind, sorgen dafür, dass die Gewebezellen aufhören, sich krampfhaft zusammenzuziehen (Schleip et al., 2019). Gleichzeitig helfen sie Ihnen, Ihren eigenen Körper von innen und außen wieder bewusster wahrzunehmen (Bordoni et al., 2021). Erst durch dieses tiefe Gefühl von Sicherheit und den „Neustart“ des Nervensystems können Ihre Faszien ihre chronische, oft durch Stress entstandene Schutzspannung endlich dauerhaft loslassen (Mörgen, 2024).
Was ist der Nutzen für Sie als Patientin oder Patient?
Für Sie als Betroffene liefert dieses Modell eine überaus positive und entlastende Nachricht:
- Entwarnung bei Zufallsbefunden: Sie müssen keine Angst mehr vor MRT-Befunden haben, die harmlose Alterserscheinungen zeigen. Ihr Rücken ist in der Regel nicht "kaputt".
- Ganzheitliche Kontrolle: Schmerz ist kein rein mechanisches Schicksal. Sie haben vielfältige Möglichkeiten, Ihren Zustand zu verbessern – nicht nur durch körperliches Training, sondern auch durch Stressabbau, gute soziale Beziehungen und mentale Entlastung.
- Gezieltere Behandlung: Wir verstehen nun besser, dass wir nicht nur "harte" Strukturen behandeln müssen, sondern die Gleitfähigkeit Ihres Bindegewebes (Faszien) wiederherstellen können.
Was müssen Therapeuten und Therapeutinnen in Zukunft beachten?
Für uns in der Praxis Bruckmann bedeutet diese wissenschaftliche Synthese einen klaren Auftrag für die Zukunft:
- Weg vom reinen „Reparatur-Denken“: Wir dürfen Patienten nicht auf MRT-Bilder oder isolierte Wirbelsäulendefekte reduzieren.
- Fokus auf das Nervensystem: Eine erfolgreiche Schmerztherapie erfordert ein Umfeld, in dem Sie sich sicher fühlen. Berührung und Therapie müssen das vegetative Nervensystem beruhigen, da Faszien nicht nur auf Druck, sondern auf Sicherheit (oxytocinerge Bahnen) reagieren.
- Multimodaler Ansatz: Wir kombinieren in unseren Behandlungen manuelle Faszientechniken stets mit aktiver Bewegungstherapie, Strategien zur Stressbewältigung und der Förderung Ihrer inneren Widerstandskraft (Resilienz).
Ihr Praxisteam Bruckmann begleitet Sie gerne auf diesem modernen und ganzheitlichen Weg zu einem gesunden Rücken. Oder: Lesen Sie unser Buch zum Thema Rückenbescherden. Oder nutzen Sie unsere kostenlose APP GesundMove mit kompletten Rückenprogramm.
Literaturverzeichnis (Grundlage für die Kurzfassung des Newsblog)
Bojairami, I., & Driscoll, M. (2022). Coordination between trunk muscles, thoracolumbar fascia, and intra-abdominal pressure toward static spine stability. Spine, 47(9), E423–E431. https://doi.org/10.1097/BRS.0000000000004223
Bordoni, B., Sugumar, K., & Varacallo, M. (2021). Fascia Anatomy and Function. In StatPearls. StatPearls Publishing.
Brandl, A., Egner, C., Reer, R., Schmidt, T., & Schleip, R. (2023). Immediate effects of myofascial release treatment on lumbar microcirculation: A randomized, placebo-controlled trial. Journal of Clinical Medicine, 12(4), Article 1248. https://doi.org/10.3390/jcm12041248
Brandl, A., Engel, R., Egner, C., Schleip, R., & Schubert, C. (2024). Relations between daily stressful events, exertion, heart rate variability, and thoracolumbar fascia deformability: A case report. Journal of Medical Case Reports, 18(1), Article 589. https://doi.org/10.1186/s13256-024-04935-z
Brandl, A., Overmann, L., Schleip, R., & Helmrich, C. (in review). Stress-induced changes in autonomic activity and fascia hydration: A cross-recurrence quantification analysis in a naturalistic exam paradigm. Journal of Clinical Medicine.
Brandl, A., & Schleip, R. (2025). The in vitro and vivo validation of a new ultrasound method to quantify thoracolumbar fascia deformation. Journal of Clinical Medicine, 14(5), Article 1736. https://doi.org/10.3390/jcm14051736
Brandl, A., Wilke, J., Egner, C., Reer, R., Schmidt, T., & Schleip, R. (2023). Thoracolumbar fascia deformation during deadlifting and trunk extension in individuals with and without back pain. Frontiers in Medicine, 10, Article 1177146. https://doi.org/10.3389/fmed.2023.1177146
Brandl, A., Wilke, J., Egner, C., Schmidt, T., Schilder, A., & Schleip, R. (2024). Pain quality patterns in delayed onset muscle soreness of the lower back suggest sensitization of fascia rather than muscle afferents: A secondary analysis study. Pflügers Archiv - European Journal of Physiology, 476, 395–405. https://doi.org/10.1007/s00424-023-02888-5
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